Sie ist gekommen, um zu bleiben. Gemeint ist die Schilf-Glasfügelzikade, die sich in Niedersachsen weiter ausbreitet. Als Saugschädling eigentlich ohne große Relevanz, wird es jedoch problematisch, wenn sie bakterielle Erreger auf empfindliche Kulturen überträgt. Betroffen sind bekanntermaßen die Kartoffeln und die Zuckerrüben. Leider sind auch Gemüsekulturen, wie z.B. Rote Beete, Möhren oder Rhabarber gefährdet. Über den aktuellen Stand und die Handlungsmöglichkeiten soll im Folgenden berichtet werden.
Warum ist die Schilf-Glasflügelzikade ein Problem?
Der eigentliche Schaden durch die Schilf-Glasflügelzikade entsteht, wenn die Zikade die bakteriellen Erreger Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus und/oder den Erreger Phytoplasma solani überträgt. Diese Erreger rufen die Krankheiten SBR bzw. Stolbur hervor. Beide Krankheiten können zu starken Ertrags- und Qualitätseinbußen führen.
Um das Auftreten der Schilf-Glasflügelzikade (SGFZ) zu erfassen, wird nunmehr seit drei Jahren auch in Niedersachsen ein aufwändiges Monitoring durchgeführt, an dem sich neben der Landwirtschaftskammer Niedersachsen auch die Nordzucker und das Züchtungsunternehmen UBS beteiligen. Das Monitoring umfasst in diesem Jahr 166 Standorte, die wöchentlichen Fangzahlen und die Summe der gefangenen Tiere pro Standort können auf den Internetportal ISIP eingesehen werden.
Leider hat sich die Fangzahl der SGFZ an einigen Standorten im Vergleich zum Vorjahr erhöht. Am Standort Jerxheim wurde erstmals ein Befall von bisher mehr als 75 Zikaden festgestellt. An weiteren Standorten der Landkreise Helmstedt, Wolfenbüttel und der kreisfreien Stadt Braunschweig wurden mehr als 20 Zikaden gefangen. Geringere Fangzahlen konnten in den schon im letzten Jahr betroffenen Landkreisen Goslar, Gifhorn und der kreisfreien Stadt Wolfsburg ermittelt werden. Hinzu kommen 2026 auch erste Fänge im Gebiet der kreisfreien Stadt Salzgitter, den Landkreisen Peine, Lüchow-Dannenberg, Northeim, Hameln-Pyrmont und der Region Hannover. An den meisten Standorten ergaben die Untersuchungen, dass Zikaden mit dem SBR-Erreger beladen waren. In geringerem Umfang konnte auch der Stolbur-Erreger nachgewiesen werden. Leider nimmt die Anzahl der Standorte mit dem Nachweis beider Erreger zu. In der Abbildung 1 sind die Fundorte aus dem Monitoring der Schilf-Glasflügelzikade im südöstlichen Niedersachsen aus allen Kulturen dargestellt.

Die Befallssituation 2026 hat dazu geführt, dass für die Landkreise Helmstedt, Wolfenbüttel und Goslar, sowie der kreisfreien Stadt Braunschweig ein Warndienstaufruf zur Bekämpfung der SGFZ in Pflanzkartoffeln erfolgte. Die zunehmenden Fangzahlen führten ebenfalls zu einem Warndienstaufruf zur Bekämpfung in den Zuckerrüben, den Kartoffeln aller Verwertungsrichtungen und den anfälligen Gemüsekulturen in den Landkreisen Helmstedt, Wolfenbüttel und der kreisfreien Stadt Braunschweig. In diesen ausgewiesenen Regionen und den entsprechenden Kulturen und im speziellen der Pflanzkartoffeln wurde somit der Einsatz von Insektiziden freigegeben, die über Notfallzulassungen nach Artikel 53 der VO (EG) 2009/1107 zur Verfügung stehen.
Die bundesweiten Versuchsserien zur Bekämpfung der SGFZ zeigen jedoch bisher, dass der Einsatz der Insektizide nur ein Baustein gegen die Zikade darstellt. Die Insektizide können bei hohem Zikadenaufkommen den Schaden vermindern und die Population verringern. Eine Ausrottung wird mit den zur Verfügung stehenden Insektiziden nicht gelingen.
Geprüft werden aktuell diverse Ansätze, um der Zikade entgegenzutreten. Die Beizung des ggf. folgenden Getreides, Repellentien, Nützlinge, Biostimulantien und die Integration von Nichtwirtspflanzen in die Fruchtfolge, um nur einige zu nennen. Die Ergebnisse dazu müssen noch abgewartet werden. Bekannt ist allerdings, dass der Verzicht auf den Nachbau von Wintergetreide nach Zuckerrüben und Kartoffeln die Überlebensrate der Nymphen (Jugendstadien der Zikaden, Abb. 2) deutlich senken kann. Entsprechend wird empfohlen diese Maßnahme bei hohen Fangzahlen, deutlichen Symptomen und Nymphen im Boden in einer Region durchzuführen. Die -Versuche aus den Hot-Spot-Regionen dazu zeigen sehr gute Ergebnisse. Entsprechend muss eine Sommerung folgen, die möglichst spät im Frühjahr etabliert wird. Eignen würden sich beispielsweise der Mais, die Sonnenblume oder die Sojabohne. Bei den früheren Folgekulturen (andere Körnerleguminosen, Sommergetreide) verringert sich der Bekämpfungserfolg, dieser ist aber immer höher als bei einem folgenden Wintergetreide. Ob sich diese Kulturen wirtschaftlich in die Fruchtfolgen eingliedern lassen oder auf den vorkommenden Böden angebaut werden können, ist betriebsindividuell zu prüfen.

Auch eine intensive Bodenbearbeitung nach den empfindlichen Kulturen z.B. der Zuckerrübe wird oftmals angeführt. Ja, sie kann die Anzahl der Nymphen verringern, sofern sich diese im Bearbeitungshorizont befinden. Aus Süddeutschland kommen Beobachtungen, dass sich die Zikaden nach der Ernte der Hackfrüchte relativ zügig in tiefere ungestörte Bodenschichten zurückziehen. Es ist somit zu prüfen, ob sich die Nymphen noch im angestrebten bzw. möglichen Bearbeitungshorizont aufhalten. Wichtig ist, dass der Boden gut rückverfestigt wird. Sie werden keine im Boden lebenden Insekten allein durch das Verschütten bekämpfen. Die letale Wirkung erfolgt durch das Zerquetschen.
Welche Rolle spielt die Sortenwahl?
Bei den Zuckerrüben ist bekannt, dass einzelne Sorten (z.B. Fitis) eine geringere Reaktion im Zuckerertrag bei ausschließlichem SBR-Befall zeigen als andere. Der Schaden durch SBR kann dadurch verringert werden. Leider gibt es diese Sorteneigenschaften gegen den Stolbur-Erreger noch nicht. Bei kombiniertem Befall aus SBR und Stolbur kommt die Toleranz gegen SBR nicht mehr so zum Tragen, wie bei alleinigem Auftreten. Eine Reduktion der Nymphen durch den Anbau der speziellen SBR-Sorten ist bisher nicht belegt.
Bei den Kartoffeln gibt es auch erste Hinweise auf Sorten, die geringer auf den SBR-Erreger reagieren. Diese werden sich hoffentlich nach der Ernte der aktuellen Versuche bestätigen, sodass auch entsprechende Sorten empfohlen werden können.
Natürlich würde auch der Verzicht auf den Anbau der Wirtskulturen (Zuckerrüben, Kartoffeln und Zikaden vermehrenden Gemüsearten) in einer Region zu einem Absenken der Zikadenpopulation führen. Die wirtschaftlichen Aspekte und die Durchführbarkeit dieser Maßnahme sprechen bisher gegen diese Maßnahme.
Fazit:
- Die Schilf-Glasflügelzikade breitet sich weiter aus, die Fangzahlen steigen
- SBR kann sehr häufig in den Zikaden nachgewiesen werden, Stolbur dagegen in geringerem Umfang
- Der Insektizideinsatz in Niedersachsen durch Notfallzulassungen wurde ausgeweitet, ist als alleiniges Instrument jedoch nicht ausreichend.
- Die Kombination bekannter Ansatzpunkte zur Populationsreduktion (u.a. Schwarzbrache über den Winter) ist bei starkem Befall erforderlich















